Ein Colloquium für undergraduates? Geht das? Stößt das auf Interesse bei Studierenden und an Universitäten und Colleges? Die Erfahrung mit den ersten beiden Colloquien in den Jahren 2007 und 2008 hat gezeigt, dass es offenbar Interesse gibt.
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Für den März kommenden Jahres ist nun das dritte Undergraduate Colloquium in German Studies geplant. Die OrganisatorInnen hoffen, dass wieder eine Reihe von kanadischen Studierenden die Gelegenheit erhalten, ihre Arbeiten auch einmal außerhalb ihres normalen Universitätsalltags zu präsentieren.
Nehmen wir zum Beispiel die folgenden Studierenden: Patricia, Lee und Laura.
Patricia studiert im zweiten Jahr in einem Undergraduate Programm an einer kanadischen Universität. Sie muss sich für ein Hauptfach entscheiden. Sie hat verschiedene Kurse in Geschichte, in Kulturgeschichte und Soziologie, daneben aber auch einige Deutschkurse belegt: Nach den ersten beiden Kursen auf Anfängerniveau entscheidet sie sich, Deutsch auch auf dem 200er Level fortzuführen. Die Kurse machen ihr Spaß, und sie würde die Sprache gern besser beherrschen und mehr über deutschsprachige Länder und Leute erfahren. Sie möchte Soziologie als Hauptfach studieren und überlegt nun, ob sie Deutsch im Nebenfach studieren oder ob sie Sprachkurse in Zukunft nur einfach „nebenbei“ belegen soll.
Lee studiert Ingenieurwissenschaften. Er hat im ersten Studienjahr Deutschkurse auf Anfängerniveau belegt. Im zweiten Studienjahr entscheidet er sich, an weiteren Deutschkursen teilzunehmen, weil er gern ein oder zwei Semester an einer deutschen Universität studieren möchte. Er weiß, dass viele Firmen es als vorteilhaft ansehen, wenn er einen Teil seines Studiums an einer deutschen Hochschule absolviert hat. Deshalb möchte er möglichst rasch ausreichende Sprachkenntnisse erwerben, die er dann im Rahmen eines Studienaufenthalts an einer Uni im deutschsprachigen Raum verbessern und anwenden kann.
Laura studiert ebenfalls im zweiten Jahr an einer Universität. Aufgrund ihrer Deutschkenntnisse aus der Schule kann sie schon im ersten Studienjahr Kurse auf 200er Niveau belegen. Sie weiß schon seit der High School, dass sie später gern Professorin für Literaturwissenschaft werden möchte. Ihre Lieblingswerke entstammen allesamt deutschsprachigen AutorInnen, und Laura weiß schon bei Studienbeginn , dass sie nach dem BA mit dem Hauptfach Deutsch einen MA und einen PhD in Germanistik / Literaturwissenchaft anstrebt.
Alle drei Studierenden sind zweifellos HoffnungsträgerInnen für KollegInnen im Fach Deutsch bzw. in der Germanistik. Studierende wie Laura kommen zwar nicht allzu häufig vor; doch es gibt sie und man versucht sie möglichst zu fördern und zu unterstützen. Studierende wie Patricia und Lee gibt es vielleicht etwas häufiger an vielen kanadischen Hochschulen. Sie interessieren sich für Deutsch, sie möchten die Sprache lernen und soviel wie möglich über deutschsprachige Länder und Leute herausfinden. Doch sie werden keine LiteraturwissenschaftlerInnen oder LinguistInnen, und sie wollen das auch gar nicht. Sie haben ein genuines Interesse an Deutsch und an German Studies, aber sie werden sich nicht für die Aufnahme in ein Graduate Programm in German Studies bewerben. Andererseits: Es ist ihnen möglich, Deutsch im Nebenfach zu studieren; einige könnten es vielleicht sogar als Hauptfach wählen.
Was kann man tun, um Laura, Lee und Patricia zu fördern?
Nun, es gibt die Möglichkeit, Laura bereits frühzeitig mit Fachliteratur zu versorgen, ihr gezielt Literatur und Hilfestellung für die Karriereplanung als Germanistin zu geben, sie wie eine „Quasi-Graduate“ Studentin zu behandeln. Schwieriger ist es da schon, Lee und Patricia zu fördern. Denn sie werden mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht den Weg einschlagen, der ihren ProfessorInnen aus eigener Erfahrung bekannt ist und bei dem sie entsprechend gezieltes Mentoring erhalten können. Man könnte ihre Leistungen gegebenenfalls mit einem Preis würdigen; diese Anerkennung wird sie vielleicht auch zusätzlich motivieren, Deutsch in Zukunft im Haupt- oder Nebenfach zu belegen.
Überlegungen wie diese liegen dem Undergraduate Colloquium in German Studies zugrunde. Konkret: Wie kann man Deutschstudierende auf dem Undergraduate Niveau fördern? Welche Möglichkeiten gibt es, sie auch über die reguläre Unterrichtszeit hinaus zu motivieren und hervorragende Arbeiten und Leistungen auch außerhalb der eigenen Institutionsgrenzen zu honorieren?
Ziel des Colloquiums ist es, die Arbeiten von Studierenden einem breiteren und interessierten Publikum zu präsentieren. Diese Arbeiten können literaturwissenschaftliche, linguistische, didaktische oder landeskundliche Themen umfassen. Studierende sind aufgerufen, besonders gelungene Arbeiten aus belegten Lehrveranstaltungen auf dem Undergraduate Niveau an Hochschulen für eine Präsentation beim Colloquium einzureichen. Diese Arbeiten brauchen keine “quasi-graduate” Forschungsarbeiten zu sein (wiewohl natürlich auch solche eingereicht werden können!); sie sollen in erster Linie solide und interessante Beiträge von Undergraduates für Undergraduates sein.
Was zunächst als eine kleine Veranstaltung für das Frühjahr 2007 geplant war (ein Ontario Undergraduate Colloquium in German Studies), wurde bereits beim ersten Mal zu einer nationalen Veranstaltung mit reichhaltigem Programm: Die Präsentationen widmeten sich Themen wie „The Role of Games in Language Learning“ (Allison Cattell, University of Waterloo), „STASI: The East German Secret Police and their secrets“ (Branke Marijan, McMaster University), „Leni Riefenstahl’s Das Blaue Licht: Analyzed as an illustration of Sigmund Freud’s The Uncanny“ (Eteega Waraich, McMaster University) oder „Martin Luther“ (Ah-Young Yu (St. Mary’s University, Halifax).
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Das Organisationsteam (Steffi Retzlaff/ McMaster University, Erol Boran/University of Toronto, Ruth Renters/Goethe-Institut Toronto, Barbara Schmenk/University of Waterloo) beschloss angesichts des Niveaus der Beiträge und des Erfolgs des ersten Colloquiums, im folgenden Jahr eine zweite Veranstaltung dieser Art durchzuführen.
Dieses Mal gab es ungleich mehr Einsendungen, und in dem blind peer review Verfahren wurden 12 Beiträge ausgewählt, die bei dem Colloquium präsentiert werden durften. Bemerkenswert war neben der großen Resonanz auf den Call for Papers, dass sich über 50 Zuschauer in dem Hotel in Toronto eingefunden hatten, wo das Colloquium stattfand. Dieses Mal reichten die Beiträge von Themen wie „Challenging the Label of Gastarbeiterliteratur. A Reading of Aras Oeren’s Bitte nix Polizei“ (Eva Ouyang, University of Toronto), „Experiencing History through Fiction” (Heather Dreger, University of Manitoba), „Das Lied von der Vergeltung: The Roots of Religious Extremism in Rainer Maria Rilke’s Geschichten vom lieben Gott“ (Gregory French, Memorial University of Newfoundland), „Pennsylvanisch deutsche Literatur in Waterloo County“ (Michael Turman, University of Waterloo) bis hin zu „Lesbianism in Germany Then and Now: the Reception of the Movies Mädchen in Uniform and Aimée und Jaguar“ (Wonneken Wanske, University of Ottawa).
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Für die Vortragenden bot das Colloquium nicht nur eine Chance zur Präsentation und Anerkennung der eigenen Arbeit, sondern darüber hinaus auch zahlreiche neue Bekanntschaften und den Austausch mit Studierenden an anderen Universitäten in anderen Provinzen. Eine „Motivationsspritze“ war es allemal!
Zweifellos ist das Interesse an einer solchen nationalen Veranstaltung groß, und für die Zukunft sind nun weitere jährliche Colloquien geplant. Es steht zu hoffen, dass künftig auch Universitäten außerhalb Ontarios das Colloquium ausrichten möchten.
Im nächsten Jahr wird das Undergraduate Colloquium an der University of Waterloo stattfinden. Der Termin steht fest: Samstag, der 14. März 2009. Der Einsendeschluß für Beiträge ist der 15. Januar 2009.
Dank der finanziellen Unterstützung des Goethe-Instituts Toronto war es zudem möglich, Teilnehmende aus anderen Provinzen durch einen Reisekostenzuschuss finanziell zu unterstützen. (Hier sei aber sogleich angemerkt, dass die Reisekosten nicht grundsätzlich übernommen werden konnten. Allerdings zeigte sich rasch, dass die jeweiligen Universitäten sich an den Reisekosten “ihrer” hoffnungsvollen Undergraduate Studierenden ebenfalls beteiligten.)
Bleibt schließlich nur noch zu resümieren, dass das Colloquium allen viel Spaß gemacht hat!
Undergraduate Colloquium in German Studies
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